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30 Jahre als Pfarrsekretärin in Sankt Martin tätig

30 Jahre als Pfarrsekretärin in Sankt Martin tätig
30 Jahre als Pfarrsekretärin in Sankt Martin tätig

Ein Interview mit Ulrike Schneider

 

 

Frau Schneider, können Sie ein wenig von Ihrem beruflichen Werdegang erzählen?

„ Nach Abschluss der Handelsschule erfolgte zunächst eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin; daran schloss sich das Fachabitur und eine dreijährige Tätigkeit als Bankangestellte an. Von 1986 bis 1989 war ich als Verwaltungsangestellte im Katholischen Bezirksjugendamt Rhein-Lahn tätig und begann dann 1989 als Pfarrsekretärin in der Katholischen Kirchengemeinde St. Martin Lahnstein.“

 

Wie sieht ein „ganz normaler „ Bürotag“ im Pfarrbüro aus?

„Das ist etwas schwierig zu beschreiben., denn „normal“ im Sinne von „alltäglich“ gibt es eigentlich nicht. Es kann passieren, dass ich morgens eine „To-do-Liste“ für mich erstelle mit Aufgaben, die unbedingt erledigt werden müssen und dann abends, beim Nachhauseweg, feststelle, wie wenig ich davon abgearbeitet habe, weil an diesem Tag wieder einmal viele Besucher mit ihren Anliegen ins Pfarrbüro kamen oder anriefen und meinen „Plan“ durcheinander wirbelten. Aber es ist gerade diese Abwechslung zwischen „normalem“ Bürotag und den aktuellen Geschehnissen, die ich so reizvoll finde. Zu uns kommen Menschen aus ganz verschiedenen Lebenssituationen, wie z. B. Trauer, Geburt eines Kindes oder bevorstehende Hochzeit; es kommen Ehrenamtliche, die Unterstützung und Hilfe bei ihren Aufgaben benötigen oder anfragen. Bischof Bätzing sagte einmal bei einem Besuch der Kolleginnen im Bezirk Main-Taunus: “Die Pfarrsekretärinnen bzw. Pfarrsekretäre sind das Gesicht einer Pfarrei und die erste bzw. der erste Ansprechpartner.“ Für mich das „offene“ Ohr ein ganz wichtiger Aspekt meiner Arbeit die gerade wegen dieser Vielfalt gerne erledige.“

 

30 Jahre sind eine lange Zeit mit Höhen und Tiefen. Welches besonders schöne mutmachende Erlebnis gab es, und wo entstand eine schwierige berufliche Herausforderung?

„So adhoc ist das schwierig auf einen Nenner zu bringen. Was mir in schöner Erinnerung geblieben ist, war eine Wanderung mit allen Gemeindemitglieder zur Scheune nach Braubach. Pfarrer Didinger feierte sein 20 jähriges Dienstjubiläum als Pfarrer von St. Martin und wir wollten damit  ein Dankeschön an alle Ehrenamtlichen der Pfarrei verbinden. Das Pfarrhausteam sorgte für das leibliche Wohl und es war ein schönes Begegnungsfest in entspannter Atmosphäre; irgendwie anders als bei den späteren Ehrenamtsfesten, vielleicht auch, weil es das erste Mal war. Das andere Erlebnis war die Verabschiedung von Pfarrer Didinger als Pfarrer der Pfarrei St. Martin. Bei diesem Begegnungsfest machten alle Gruppierungen, Verbände und einzelne Gemeindemitglieder mit und es war ein vielfältiges, kreatives Programm.

Eine schwierige berufliche Herausforderung war der Umgang und die mangelnde Ehrlichkeit von Seiten des Bistums nach dem plötzlichen Weggang von Pfarrer Weis. Wir als Mitarbeiterteam wurden nicht informiert, sollten Termine absagen, Dinge erledigen und so tun, als wäre nichts geschehen. Hier hätten wir alle uns einen ehrlichen, transparenten Umgang gewünscht.“

 

Ein Blick auf die Anfangszeit und auf die aktuelle Situation im Pfarrbüro, welche gravierende Unterschiede sind auffallend?

„Das Berufsbild hat sich gravierend verändert. Früher war eine Pfarrsekretärin für alle Arbeiten, die anfielen, zuständig. Es gab zwar bei mehreren Mitarbeiterinnen eine Aufgabenaufteilung, aber trotzdem wusste jede, jeder über das Leben in der Pfarrei Bescheid. Heute gibt es verschiedene Arbeitsbereiche, keine Mitarbeiterin ist für alles zuständig; es ist eher ein „Einzelkämpfertum“, das zu einem Pfarrbüroteam zusammenwachsen muss. Wir sind in dem Bereich „Pfarrbüro“ 6 Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Aufgabengebieten.

Früher gab es das „offene“ Pfarrhaus, das heißt in der Küche von Frau Didinger, sie war die Schwester des Pfarrers und die Haushälterin, fand so manches Gespräch am Rande statt, wo auch wir mit unseren Anliegen einfach mal hinkommen konnten. Es gab auch keine Öffnungs-und Schließzeiten, sondern mein Dienst begann um 8.00 Uhr und endete um 18.00 Uhr mit Mittagspause und wenn jemand in dieser Zeit klingelte oder anrief, waren wir präsent. Und wenn wir selbst nicht da waren, öffnete Pfarrer Didinger oder seine Schwester die Tür. Heute werden Öffnungs-und Schließzeiten eingehalten, was mir, ehrlich gesagt, nicht immer leicht fällt. Das Pfarrbüro war eben kein Betrieb sondern ein offenes Haus.“

 

Wie sieht das Profilbild einer Pfarrsekretärin bzw. eines Pfarrsekretärs aus?

„Zu meiner Anfangszeit hätte ich gesagt, dass ein kirchlicher Background wichtig ist, also das Wissen und die Kenntnis  über kirchliche Strukturen, vielleicht auch selbst einem kirchlichen Verband oder einer Gruppierung angehören, dort ehrenamtlich aktiv zu sein. In jedem Fall war es immer wichtig gut zuhören zu können, um die Anliegen und Nöte der Menschen ,die zu uns kommen, ernstzunehmen, ihnen zu signalisieren: du bist jetzt der wichtigste Mensch, der vor mir steh, für dich habe ich Zeit.

Heute durch die Arbeitsteilung kommt es darauf an, wo ein Kollege oder eine Kollegin eingesetzt wird. Wenn er oder sie ausschließlich im sogenannten „Backoffice“, also im Hintergrundbereich des Pfarrbüros, arbeitet, geht es  um ausreichenden, umfassende Kenntnisse in der Verwaltungsarbeit.“

 

Im Rahmen der Kirchentwicklung, die alle Bereiche der Pfarrei umfasst, geht es auch um Visionen und ums Ausprobieren. Ab 1.1.2022 wird es eine neue große Pfarrei Sankt Martin Lahnstein-Bad Ems/Nassau geben. Gibt es etwas, das sich lohnen würde auszuprobieren, auch im Sinne der „Fehlerfreundlichkeit“, zu der die Bischof Bätzing immer wieder auch ermutigt?

 

„Mein Wunsch wäre es, wenn es nicht darum gehen würde, immer größere Pfarreikonstrukte zu bilden, sondern den Menschen vor Ort eine Anlaufstelle, eine Heimat zu geben. Bei immer größer werdenden Pfarreien geht es m.E.  darum, dem Priestermangel gerecht zu werden und an der Stellung der geweihten Amtsträgern festzuhalten. Es wäre mein Wunsch, wenn endlich Theologinnen und Theologen mit den notwendigen Befugnissen ausgestattet würden, um eine Pfarrei zu leiten. Seelsorge muss neu bedacht und gestaltet werden. Die Gemeindemitglieder stimmen mit den Füßen ab und bleiben fern. Es stimmt traurig, wenn Pfarrsekretärinnen und Pfarrsekretäre nur noch den Tag des Rentenalters herbeisehnen.“

 

Ihr letztes Wort?“

„ Eine stärker Wertschätzung unserer Arbeit, ein Ernstnehmen unserer Tätigkeit und auch ein Wahrnehmen unserer Sorgen und Nöte- das wünsche ich mir sehr. Als ich am 1.8.1989 hier in St.Martin anfing, was dies für mich der „Traumjob“. Das würde ich gerne wieder sagen können. Gerade im Hinblick auf die Pfarreifusionierung halte ich es für besonders wichtig, dass wir Zeit haben für die Menschen, die zu uns kommen, dass wir ein „offenes“ Ohr haben und nicht, dass wir wahrgenommen werden als „Amt“. Für mich ist das Pfarrbüro keine Behörde, keine Firma, kein Amt, das Dienst nach Vorschrift erledigen kann, sondern ein Ort der Seelsorge.“

 

Der Pfarrei Sankt Martin gratuliert Ihnen ganz herzlich zu Ihrem Jubiläum und bedankt sich für Ihre gute und verantwortungsbewusste Tätigkeit im Dienst der Gemeinde!