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41 Jahre im seelsorglichen Dienst

41 Jahre im seelsorglichen Dienst
41 Jahre im seelsorglichen Dienst
© H.Schröder/Lahnstein

Time to say Goodbye- Ein Interview mit Diettmar Wittenstein

DW:       Einen Zugang zum Beruf des Gemeindereferenten ist das Studium der Praktische Theologie und Religionspädagogik an einer Kath. Fachhochschule. Ich habe in Mainz von 1977 – 1980 studiert und mit dem Diplom als Religionspädagoge (FH) abgeschlossen. Mein Anerkennungsjahr habe ich im Bistum Limburg am 01.09.1980 in der Pfarrei St. Anna in Biebertal (Krs. Gießen) begonnen. Als Gemeindereferent ausgesandt hat mich ein Jahr später Bischof Dr. Wilhelm Kempf. Es war eine kleine schlichte Feier im „engsten“ Familienkreis in der Kapelle des Priesterseminars. Im vergangenen Jahr habe ich eine  Dankesurkunde zum 40-jährigen Dienstjubiläum von Bischof Dr. Georg Bätzing erhalten.

BK:        Warum bist du Gemeindereferent geworden?

DW:       Nach meinem Schulabschluss der Mittleren Reife in Baunatal habe ich StarkstromElektriker gelernt und wollte dementsprechend einmal Elektro-Ingenieur werden.
Meiner Mutter war der sonntägliche Gottesdienstbesuch sehr wichtig. Allerdings war
unsere Kirche am Stadtrand von Kassel. Zum Gottesdienst fuhr ein Bus. Wenn meine Schwester und ich trödelten, hieß es leider: Bis zur Wandlung schaffen wir das noch zu Fuß. Durch das Automobilwerk wuchs unser Dorf zur Stadt. Wir bekamen eine eigene Kirche und wurden eine eigene Pfarrei. Der Fußweg bis zur Kirche dauerte nur noch fünf Minuten. Ebenso verstand es der neue Pfarrer, uns junge Christen anzusprechen und das Interesse für die Kirche zu wecken. Wir trafen uns zu Gesprächen im Wohnzimmer des Pfarrers. Wir durften Gottesdienste mitgestalten. Wir unternahmen religiöse Wochenenden. Ein Höhepunkt war eine Taizefahrt (1974). Hier erlebte ich eine  besondere, persönliche Glaubenserfahrung.  Inzwischen hatte ich mit dem Gitarrespielen angefangen und erste Lieder im Gottesdienst begleitet, die ein junger Komponist, Peter Janssens, schrieb. Der Grundstein für das  Interesse an der Kirche und der Mitgestaltung war geweckt. Auf der Fachoberschule für Elektrotechnik erfuhr ich durch einen Mitschüler von der Möglichkeit, mit dem Fachabitur an einer Fachhochschule „Praktische Theologie“ zu studieren. Ich spürte: Das ist dein Weg. Mir fehlte nur ein soziales Praktikum. Durch einen Unfall brauchte ich weder zur Bundeswehr, noch einen Zivildienst leisten. Diesen Freiraum nutzte ich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in meiner  Heimatpfarrei und so reifte der Entschluss für das Studium in Mainz und zum Beruf des Gemeindereferenten.

BK:        In wieviel Pfarreien warst du eingesetzt?

DW:       In der Ausbildungspfarrei war ich noch 2 ½ Jahre tätig. Die damaligen Pfarreien waren schon in sogenannten Pfarrverbünden zusammengeführt. Als der Pfarrer von St. Anna eine andere Aufgabe übernahm, wurde der Nachbarpfarrer von St. Raphael Pfarrer beider Pfarreien und ich wechselte im Februar 1983 als Bezugsperson nach Wißmar und wohnte dementsprechend auch im Pfarrhaus. Hier habe ich 23 Jahre gewirkt, hier sind meine drei Söhne Philipp, Clemens und Simon geboren. Aus persönlichen Gründen erfolgte ein weiterer Wechsel im August 2006 nach Lahnstein.

BK:        Welches waren deine Arbeitsschwerpunkte?

DW:                 In allen Einsatzorten gehörte die Kinder- und Jugendarbeit, die Vorbereitung auf die Erstkommunion und Firmung, das Erteilen von Religionsunterricht, die Gestaltungen von Gottesdiensten, die Mitarbeit in den Gremien, die Begleitung von Ehrenamtlichen und die Mitarbeit im Pfarrbüro zu den Hauptaufgaben. Natürlich sind die Bedingungen einer Diaspora-Gegend anders, als in einer Stadtpfarrei.  Im Religionsunterricht waren die Klassen klein, oft  wurden die Klassen 1 und 2, sowie 3 und 4 zusammen unterrichtet. Der Kontakt zu den Lehrerinnen und Lehrern war immer kollegial und freundschaftlich. Gerne bin ich mit zu Klassenfahrten gefahren, oder habe für ältere Klassen religiöse Schulfreizeiten angeboten. Leider ließen sich Gemeindedienst und Schuldienst nicht immer vereinbaren. In einer Diaspora-Gemeinde war der Fahrdienst genauso wichtig, wie der Pfarrdienst. In  Erstkommunion- und Firmvorbereitung sind mir unzählige Konzepte und neue Ideen begegnet und haben geholfen, diese Vorbereitungszeit gut zu gestalten. Von Beginn an waren Katechetinnen und Katecheten mit im Boot. Jedes Jahr habe ich gespürt, wie es in einem Lied anklingt, dass heute noch immer gerne gesungen wird „Gottes Liebe ist so wunderbar …“ und wie unterschiedlich sie sich immer zeigt. Mit den Ministrantinnen und Ministranten konnte ich in allen Einsatzorten  insgesamt fünf Mal nach Rom wallfahren. Sehr gerne habe ich überall mit den evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrern zusammengearbeitet. In vielen Gottesdiensten zu kirchlichen, weltlichen und regionalen Festen haben wir die gemeinsamen Wurzeln bedacht. In Bibelabenden Gottes Wort geteilt, und es bleibt die Hoffnung auch bald Jesu Brot miteinander zu teilen.                                                

Durch einen evangelischen Pfarrer habe ich die Notfallseelsorge kennengelernt und unterstütze diese Arbeit bereits seit über 20 Jahren. Neben der Bibel ist und war die Gitarre ein wichtiges Mittel der Glaubensverkündigung- und vermittlung. Nicht nur im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit.  Und ich habe immer gern fast alle alltäglichen Gegenstände für die Glaubensvermittlung genutzt. Hier in Lahnstein ist besonders das (elektrische) Licht hinzugekommen. Angefangen von einem kleinen Lichterlabyrinth in einem Taizegottesdienst bis hin zu den Lichterkirchen und den Illuminationen bei „Kirche anders“.

BK:        Im Rückblick auf deine inzwischen über 40-jährige Tätigkeit gibt es doch sicher viele  Eindrücke und Erlebnisse?

DW:       Ja, ich erinnere mich an viele schöne, interessante, erfüllende, schwierige, und auch bedrückende Erlebnisse. Einige möchte ich für all die vielen Gespräche, geschenkten Begegnungen und die zahlreichen guten Zufälle erwähnen. Nach einer schweren Erkrankung des Pfarrers von St. Raphael kam der Beerdigungsdienst hinzu. Nach der  allerersten Beerdigung sagte die Küsterin zu mir: „Ich glaube, ich war aufgeregter als Sie.“ Bei einer Pausenaufsicht in der Schillerschule in Lahnstein kam eine junge Dame auf mich zu: „Hallo, Herr Wittenstein, kennen Sie mich noch?“ Ich überlegte. Die junge Dame müsste aus einer der ersten Klassen stammen, die ich hier in Lahnstein unterrichtet habe: Aber ich fand kein passendes Gesicht, geschweige denn, einen Namen. „Ich bin Sina. Sie haben mich in Wißmar unterrichtet.“ Nun machte es klick. Sina war nicht nur eine Schülerin, sondern sie hat auch im Kinderchor mitgesungen. Nun studiert sie in Vallendar Theologie, macht hier nun das Schulpraktikum und möchte im kirchlichen Bereich arbeiten. Bei einem Hauskommunionbesuch hier in Lahnstein haben wir im Gespräch herausgefunden, dass wir beide in Kassel in der gleichen Gemeinde zur Erstkommunion gegangen sind. Hier in Lahnstein kam die Kindergartenarbeit hinzu. Wie nachhaltig manches ist, zeigte mir dieses Erlebnis. Als mir zwei Geschwister aus der Kindertagesstätte von  St. Barbara auf der Straße begegneten, meinte die ältere: „Dich kenne ich vom Kindergarten.“ Und ihr jüngerer Bruder begann zu singen: „Hosianna, Hosianna! Jesus ist da.“ Diesen kleinen Liedruf hatte ich mit den Kindern zur Vorbereitung auf Palmsonntag eingeübt. Allerdings war es Anfang Dezember. Und bei einem Geburtstagbesuch meinte die Jubilarin: „Sie sehen dem Mann, der am Samstagabend im Gottesdienst Gitarre spielte, sehr  ähnlich.“ Für all die vielen Begegnungen bin ich sehr dankbar.

BK:         Gibt es besondere Bibelgeschichten für Dich?

DW:    Die Bibel ist voll von interessanten Geschichten. Auch wenn ich sie bisher noch nie ganz durchgelesen habe. Ich freue mich jedes Jahr auf den Ostermontag. An diesem Tag wird die Geschichte der Emmaus-Jünger erzählt. Das Auf und Ab der Hoffnung, die Enttäuschung, das weg von diesem Ort, sich auf Fremdes einzulassen, doch dann etwas Bekanntes wieder entdeckten und den Mut, sich neu aufzumachen. Oft genug habe ich all diese Situationen erlebt im eigenen Leben und bei der seelsorglichen Begleitung von Menschen in dunklen, hoffnungslosen Situation, sowie ich den fröhlichen und freudigen Zeiten unseres Lebens. Eine zweite Geschichte verknüpft die Lebenserfahrung vieler Generationen mit uns heute. Und an diesen Ort selbst gewesen zu sein, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Es geht um die Begegnung der Samariterin mit Jesus am Jakobsbrunnen. Dort zu stehen, das kühle Wasser zu trinken im Bewusstsein, das vor 4000 Jahren Menschen hier ihren (Glaubens)Durst stillten, das Jesus hier vom Wasser des Lebens spricht, das er sich behutsam offenbart und zu seinem Glaubens-Lebens-Weg einlädt, hat mich tief beeindruckt. Die Reise nach Israel im Rahmen der lokalen Kirchenentwicklung vor zwei Jahren habe ich als wunderbares Geschenk zum Ende meiner Dienstjahre empfunden.

BK:        Bist du gern Gemeindereferent gewesen?

DW:       Das weiß ich nicht. Ich war nicht gerne Gemeindereferent, wo ich an meine eigenen Grenzen gestoßen bin. Wo ich das Gefühl hatte, ich genüge nicht den Ansprüchen und Anforderungen. Ich war nicht gerne Gemeindereferent, wo ich auch die Grenzen der römisch-katholischen Kirche spürte, die mit manchen Verordnungen nicht meinem seelsorglichen Denken entsprachen. Ich bin gerne Gemeindereferent gewesen und darum dankbar all den Menschen, denen ich im Laufe der inzwischen 41 Dienstjahre begegnet bin. Die mich getragen haben und sicher manchmal auch mich ertragen mussten. Die ich ein Stück des Weges begleiten konnte, und die mich ebenso begleitet haben. Ich danke meinen sogenannten Dienstvorgesetzten Pfr. Hugo Diciol, Pfr. Ivo Blajic, Pastoralreferent Manfred Steiger und Pfr. Armin Sturm. Sie haben mit ihrem Vertrauen in meinen Dienst und meine Arbeit dazu beigetragen, dass ich gerne Gemeindereferent gewesen bin. Ich konnte meiner Stärken, Charismen und Gaben einsetzen. Sie tolerierten meine Schwächen und korrigierten manchen Fehler. Dies gilt auch für die weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den unterschiedlichen Pfarrbüros, ebenso für meine Kolleginnen und Kollegen, für die ich gerne auf Bistumsebene über 30 Jahre als Bezirkssprecher tätig war. Ich danke allen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die gute Zusammenarbeit und bitte ebenso herzlich um Entschuldigung für Versäumnisse, sowie missverständliche oder auch fehlende Worte. Ich bin gerne Gemeindereferent gewesen, weil ich Dietmar Wittenstein bleiben konnte. Darum gehe ich nun weiter summend in einen neuen Lebensabschnitt. „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke mein Licht, Christus meine Zuversicht“ wird weiterhin mein Glaube bleiben und wird mich auch weiterhin meine  Gaben und Charismen einsetzen lassen.

              In diesem Sinn Time to say Goodbye Gemeindereferent

Ihr und Euer Dietmar Wittenstein

„Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke mein Licht, Christus meine Zuversicht“

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